In diesem Blog geht es ausschließlich um Literatur oder, einfacher gesagt, um Bücher. Ihr findet hier Buchempfehlungen, meine Rezensionen zu Büchern und e-Books, die ich gelesen habe, und Hinweise auf Downloads von e-Books. Da ein Blog durch Kommentare am Leben gehalten wird, würde ich mich sehr freuen, wenn Ihr diese Funktion fleißig nutzt.

Mittwoch, 8. März 2017

"Die Verseflüsterin" von Nicolas Fougerousse

Das wunderschöne Cover lädt zum Träumen ein: Der leicht bewölkte, luftige Himmel und ein handbeschriebenes Blatt Papier verheißen eine Geschichte voller Leichtigkeit und Poesie. 

Held der Geschichte ist Marcus, 38 Jahre, der zusammen mit seiner Frau Isabelle in Paris lebt. Isabelle ist glücklich, in der Bibliothek zu arbeiten, Marcus verdient im Büro einer IT-Firma in La Defènse gutes Geld. Aber glücklich ist er nicht und so beginnt er über sein Leben nachzudenken, als er eines Morgens einen Zettel mit einer kurzen Botschaft an seinem Auto findet: »Höre auf Deine Gefühle!«In kleinen Schritten beginnt Marcus sein Leben zu verändern, hört bewusst zu, was andere Menschen und sein Gefühl ihm sagen wollen. Ganz allmählich nehmen die glücklichen Momente zu, in denen sich Marcus leicht und unbeschwert fühlt. 

Wir Leser dürfen Marcus bei dieser Reise zu sich selbst Gesellschaft leisten. Für mich gab es beim Lesen viele Aha-Erlebnisse. Kleine Dinge, die sich auch in meinem Alltag umsetzen lassen und die Lebensqualität erhöhen. Die vielleicht nicht jedem gefallen, wie ich anderen Rezensionen entnehmen kann. Aber wer bewusster leben möchte, sich für Yoga interessiert, die Kommunikation mit seinen Mitmenschen verbessern möchte u.ä., wird sich in der Geschichte von Marcus wohlfühlen. Und dann ist da noch die Geschichte hinter der Geschichte. Der geheimnisvolle Angelo, der Marcus ein wichtiger Freund wird und auf eine ganz besondere Weise mit seinem Leben verbunden ist. Es geht um Schuld, Vergebung und letztendlich Liebe. Darauf läuft alles hinaus, wenn man es richtig macht. In der Geschichte erhält Marcus ein Buch, das tatsächlich existiert und das ich gern als Nächstes lesen möchte: »Die vier Versprechen. Ein Weisheitsbuch der Tolteken« von Don Miguel Ruiz.

Den Titel finde ich ein wenig irreführend. Zusammen mit dem Klappentext weckt dieser Titel die Erwartung, dass die »geflüsterten Verse« die geheimen Botschaften sind, die Marcus erhält. Den französischen Titel übersetzte ich mit »Der/Die Gedichte schrieb, um die Berge zu bezwingen«, und dieser bekommt im Laufe der Geschichte eine völlig andere Bedeutung. Dies und ein paar wenige sprachliche Fehler sind aber die einzige Kritik am Buch und schmälern seine Kraft und Bedeutung in keiner Weise. 

Fazit: Für mich das richtige Buch zur rechten Zeit: 5*****

"Die Verseflüsterin" ist als Hardcover mit Schutzumschlag im Libra Verlag erschienen, hat 232 Seiten und kostet 18,90 Euro. Ein E-Book ist, soweit ich weiß, noch nicht erschienen.


Sonntag, 26. Februar 2017

"Schlaflied" von Cilla und Rolf Börjlind

»Schlaf, du kleines Weidenkind, denn es ist noch Winter ...« Dieses rührende alte Schlaflied singt ein Junkiemädchen für ein Flüchtlingsmädchen aus Nigeria. Zwei Gestrandete, die am Straßenrand in Stockholm aufeinander treffen und sich aneinander klammern, um nicht unterzugehen. Muriel hilft Folami und findet dadurch zurück zu sich selbst. Das klingt erst einmal überhaupt nicht nach Krimi, ist aber der für mich berührenste Seitenstrang dieses Buches, und zudem geschickt mit der Haupthandlung verwoben. Die hat es in sich. Es geht um tote Kinder, vorsätzlich ermordet. Die Spur führt von Schweden nach Rumänien und wieder zurück. Es klingt so unglaublich, was im modernen Europa, in der Europäischen Union, möglich ist und tagtäglich passiert. Auf was für Ideen Menschen kommen und wie andere gezwungen sind, dahin zu vegetieren. Trotzdem kommt dieses Buch ohne vordergründig bis ins Detail beschrieben Splatter-Grausamkeiten aus. Trotzdem geht das, was hier beschrieben wird, zeitweise bis an die Grenze des Erträglichen.

Das Buch beginnt mit einem Prolog, nach dem es drei Monate zurückgeht und dann in mehreren Handlungssträngen weiter. Dass »Schlaflied« bereits der vierte Teil einer Krimireihe ist, wurde mir erst am Ende beim Lesen des Hinterklappentextes klar. Das heißt, man muss die drei Vorgänger nicht gelesen haben, um von diesem hochaktuellen Krimi gefangen genommen zu werden. Geschickt schafft es das Autorenduo, übliche Klischees zu vermeide. Die Figuren haben alle ihre Ecken und Kanten. Die Guten haben ihre schlechten Seiten und die wirklich abgrundtief Bösen zeigen zumindest zeitweise sogar so etwas wie Reue und Menschlichkeit. Um danach weiter Böses zu tun. Gerade darin liegt für mich die Faszination dieses Krimis. Es gibt kein Schwarz-Weiß, sondern nur mehr oder weniger gelungene Bemühungen, das Grau in Weiß oder eben in Schwarz zu verwandeln. Sowohl die Flüchtlinge als auch die Schweden werden differenziert betrachtet.


Trotz mehrerer parallel verlaufender Handlungsstränge gelingt es mühelos, dem Geschehen zu folgen. Als Leser dürfen wir immer wieder auch an den Gedanken der agierenden Personen teilhaben, wodurch ihre Motive und Handlungen klarer werden. Selbst Zufälle, die nahezu unglaublich scheinen, werden im Laufe der Geschichte logisch erklärt. So wie überhaupt alles irgendwie zusammenhängt. Das ist für mich eine der versteckten Grundaussagen dieses Krimis: Wir leben alle in einer Welt, auch wenn die Art, wie wir es tun, unterschiedlicher kaum sein kann. Und eine andere: Das Böse entsteht nicht erst, wenn diese Unterschiede aufeinander prallen. Es ist schon da und lauert nur darauf, seinen Vorteil aus allem zu ziehen.

Fazit: Ein empfehlenswertes Buch. Spannend, berührend und aufwühlend zugleich. 5*****

Das Taschenbuch ist im btb Verlag erschienen, hat 576 Seiten und koste 15 Euro. Das E-Book ist für 11,99 Euro erhältlich.


"Der Mann, der Luft zum Frühstück aß" von Radek Knapp

Wer kommt schon auf die Idee, seinen Sohn nach einem Beruhigungsmittel zu nennen? Walerians Mutter. Ihr verdankt er diesen ungewöhnlichen Vornamen. Ebenso, dass er die ersten elf Jahre seines Lebens bei den Großeltern in Polen aufwuchs, um danach von seiner merkwürdigen Mutter nach Wien entführt zu werden. Hier versucht der Junge, irgendwie klar zu kommen. Er lernt langsam Deutsch, weil seine Wiener Mitschüler auf der Sonderschule so langsam reden, dass ihm Zeit bleibt, jedes Wort im Wörterbuch nachzuschlagen. An der Handelsakademie perfektioniert er das Schulschwänzen und begegnet dem Leben täglich aufs Neue voller Staunen und Hoffnung. Wo andere klagen würden, erkennt Walerian für sich etwas Positives. So hat der junge naive Held ständig das Gefühl, sein Leben würde sich zum Besseren wenden, was es letztendlich auch tut. Jede Verbesserung nimmt er staunend und dankbar an. Darin liegt für mich der Zauber dieses Buches. Das Glück der kleinen Dinge erkennen wie ein Kind. Und wenn es nur der faszinierend schnell wachsende Schimmelfleck an der Wand ist. Lebten alle Menschen so, gäbe es mehr Freude in der Welt. 

Dieser Roman des polnischen Autors Radek Knapp trägt zumindest teilweise autobiografische Züge. Wie Walerian wuchs der Schriftsteller zunächst bei den Großeltern auf, bevor er mit 12 Jahren zu seiner Mutter nach Wien kam und dort u.a. auch die Handelsakademie besuchte.

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Es lässt sich gut lesen, neben der Handlung erfahren wir viel über Walerians Gedankenwelt. Die ist keinesfalls langweilig, sondern macht, dass einem beim Lesen warm ums Herz wird. Was es mit dem seltsamen langen Titel des Buches auf sich hat, erfahren wir im Laufe der Erzählung. 

Fazit: Ein schönes, Herz wärmendes Buch. 5*****

Das Hardcover mit Schutzumschlag ist im Deuticke-Verlag erschienen, hat 128 Seiten und kostet 16 Euro (Und ist jeden Euro davon wert!). Das E-Book ist für 11,99 Euro erhältlich.



Samstag, 4. Februar 2017

"Die Kanzlerin" von Linda Behringer

Angelika Mörkel, Deutschlands Bundeskanzlerin in diesem Buch, soll gemeinsam mit ihrem Ehemann heimlich Geld in die Schweiz geschafft haben, um Steuern zu unterschlagen. Diese Nachricht ist für die Presse ein gefundenes Fressen und der Skandal des Jahres. Mörkels Vertrauter rät ihr, unterzutauchen, und bringt Mörkel inkognito bei seinem ( ihm fremd gewordenen) Sohn in einer Berliner WG unter. Dieses Szenario erschien mir extrem unglaubwürdig, ist aber der Aufhänger für den weiteren Verlauf der Handlung. Während offiziell behauptet wird, die Kanzlerin sei krank, beginnt eine Hetzjagd der Journalisten, die ihren wahren Aufenthaltsort ausfindig machen und eine Stellungnahme von ihr haben wollen.
Ich gebe zu, beim Anblick des Covers war ich skeptisch. Diese Zitronenpresse, die es tatsächlich zu kaufen gibt, trifft nämlich gar nicht meinen Humor. Aber der Klappentext des Buches las sich gut, also gab ich der 172 Seiten langen Geschichte eine Chance und wurde nicht enttäuscht. Das Buch liest sich locker weg, was zum Einen am Erzählstil liegt, der sehr gut zum Genre passt, zum Anderen an den präzisen Hinweisen auf den nächsten Ortswechsel zu Beginn eines neuen Kapitels. Die vielen unterschiedlichen Charaktere haben alle ihre teils schrulligen Eigenarten und sind sehr gut unterscheidbar. Manche Szenen sind zwar etwas sehr skurril, z.B. die Kanzlerin in der Abstellkammer versteckt, aber wenn man sich auf diesen Humor einlässt, erkennt man fast so etwas wie eine Botschaft in dem Buch - Kanzlerinnen sind auch nur Menschen! So erleben wir Angelika Mörkel im Jogginganzug am WG-Tisch, als Ersatzkrankenpflegerin des griesgrämigen Nachbarn, in Erinnerungen schwelgend an die erste, total verliebte Zeit mit ihrem Ehemann usw. Ganz nebenbei kommen die Menschen in ihrem Umfeld ihr und sich gegenseitig (wieder) näher, was beim Lesen ein nettes, zufriedenes Gefühl erzeugt. Das große Finale ist filmreif, und spätestens da kam mir der Gedanke, dass das Buch wirklich eine prima Vorlage für einen Film wäre. Sicher ist manche Idee sehr weit hergeholt, aber wer von uns weiß denn, was hinter den Gardinen im Hause Kanzlerin wirklich los ist? Oder in ihrem Kopf? 
Es gibt einige Anspielungen auf aktuelle und vergangene Ereignisse. Politik und Presse kommen dabei nicht so gut weg, aber wir Deutschen wollen bei allem Humor ja auch immer etwas haben, auf das wir schimpfen können. 
Fazit: Nette, humorvolle Story. 4****
Das Taschenbuch ist als Book on Demand erschienen, hat 172 Seiten und kostet 9,99 Euro. Das E-Book ist für 6,99 Euro erhältlich. 


Donnerstag, 26. Januar 2017

"Totenrausch" von Bernhard Aichner

Wie hatte ich diesem dritten Teil der Blum-Trilogie entgegengefiebert! Teil 1 "Totenfrau" hatte mich berührt, wie kein Thriller vorher und teils schluchzend, teils atemlos weiterlesen lassen. Teil 2 "Totenhaus" hatte ein bisschen was von "Shining" und ließ mich am Ende mit der Frage zurück: "Wie, verdammt noch mal, soll denn hier alles wieder gut werden?" (Man sollte die drei Teile unbedingt auch in der richtigen Reihenfolge lesen.)

Und nun Teil drei. Tatsächlich findet Blum einen Weg zu einem Ort, der ihr und den Kindern wieder Geborgenheit gibt. Dass die Kinder dieses Gefühl genießen, in ihrer unschuldigen Naivität, ist normal. Dass Blum sich ebenfalls dieser Illusion hingibt, zumindest zeitweise verständlich. Nach allem, was sie durchgemacht hat, tut es ihr ebenso gut, wie den Kindern, wieder Normalität zu leben. Trotzdem sitzt sie auf einer tickenden Zeitbombe, das weiß sie. Darum kann ich ihre Handlungen gleich mehrfach nicht nachvollziehen, verliert Blum für mich ihre Glaubwürdigkeit. Erstens: Ihr Aussehen. Sie war mit Fahndungsplakaten in Österreich und Deutschland gesucht worden. Daran mögen sich manche Menschen noch erinnern. An keiner Stelle las ich, dass Blum ihr Aussehen verändert hätte, z.B. Haare geschnitten und gefärbt. Zweitens: Die Pässe für sich und die Kinder. Das war ihr großes Ziel. Warum haut sie nicht ab, als sie die Dokumente hat, sondern glaubt, ihre Schuld, ihr Versprechen nicht einlösen zu müssen? Drittens: Spätestens nach dem ersten Fehlschlag hätte sie die Kinder schnappen und verschwinden sollen. Natürlich, Blum ist müde geworden auf der Flucht. Aber jetzt hatte sie Zeit, sich zu erholen, weiter zu denken. Klar zu denken, so wie in den ersten beiden Teilen. Lange Zeit erschien sie mir in »Totenrausch« wie weichgespült. Kann Blum wirklich nur klar und logisch denken, wenn, salopp gesagt, die Kacke am Dampfen ist? Oder war ihr naives Vertrauen zu Schiele einfach nur notwendig, um die Geschichte so erzählen zu können, wie sie jetzt vor uns liegt? Wäre sie nach Erhalt der Pässe geflohen, wäre das Buch nach nicht einmal 90 Seiten zu Ende gewesen. So aber konnte Blum wieder zur Höchstform auflaufen und Totenrausch zu einem atemraubenden Finale führen. 

Alles in allem ein typischer Aichner. Die kurzen knackigen Sätze, die den Leser voranpeitschen. Manchmal noch einer hintendran gehängt. Und noch einer. Schnörkellose Dialoge, und damit meine ich nicht nur die fehlenden Anführungszeichen. Dadurch entsteht Tempo, man liest und will weiterlesen. Noch ein Kapitel. Noch eins, das war ja gerade so kurz. Und dann wieder die Momente, in denen wir mit Blum ganz still werden. Wenn sie die Kinder streichelt, während sie schlafen. Liebe und Hass, Leben und Tod so dicht beieinander. 

Das Bild auf dem Cover ist auch ein Aichner. Der Autor malt nämlich auch und das so gut und erfolgreich, dass es schon mehrere Ausstellungen gab. 


Fazit: Spannender Abschluss der Trilogie. 4****

Das Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen ist im btb Verlag erschienen, hat 480 Seiten und kostet 19,99 Euro. Das E-Book ist für 15,99 Euro erhältlich. 


Montag, 16. Januar 2017

"Vegan For Fit - Gipfelstürmer" von Attila Hildmann

»Vegan For Fit - Gipfelstürmer« heißt das neuste Buch von Attila Hildmann. Attila ist nahezu jedem bekannt, der sich für vegane Ernährung interessiert. Er hat am eigenen Körper getestet, was gesunde vegane Ernährung plus Sport bewirken können und sich vom schwer atmenden Moppelchen zu einem wohlproportionierten, gesunden Mann entwickelt. Attila verstand es außerdem, seine Erfahrungen in so motivierende Worte zu packen, dass kombiniert mit hübschen Bildern und leckeren Rezepten bereits mehrere Bücher daraus entstanden sind, die sich verkaufen wie geschnitten (veganes) Brot.
»Vegan For Fit - Gipfelstürmer« verspricht, dass jeder, der dieses Buch liest und seine Ratschläge befolgt, sich nach Attilas Rezepten ernährt und die nötige Zeit in leichten Sport investiert, innerhalb von 7 Tagen bis zu 4 Kilogramm abnehmen und gleichzeitig seinen Körper entgiften kann. Klingt super und nach einem verlockenden Einstieg in die Welt der verganen Ernährung, für alle, die es gern einmal probieren wollen. Sieben Tage ... das ist machbar, oder?
Mir gefällt die Aufmachung des Buches. Eine überschaubare Menge Text, theoretisches Wissen, ein Schritt-für-Schritt-Programm und jede Menge Rezepte für die sieben Tage, immer mit verschiedenen Alternativen und zusätzlichen leckeren Bausteinen, z.B. nach dem Sport. Zusätzlich zum Buch gibt es einen kostenlosen Rechner im Internet, wo jeder seinen persönlichen Bedarf an Nährstoffen ausrechnen und die Zutatenmengen der Rezepte entsprechend anpassen kann. Dabei werden Faktoren wie Körpergröße, Gewicht, Alter, Beruf und Bewegungsprofil berücksichtigt. Das finde ich praktisch und sinnvoll, auch wenn es im ersten Moment die Rezepte etwas verkompliziert. Sofort drauflos mixen oder kochen ist nicht, erst muss gerechnet werden. Aber immerhin lassen sich mit den errechneten werten Einkaufslisten online erstellen und ausdrucken.
Wobei das mit dem sofort Loslegen sowieso nicht ganz so einfach ist. Zumindest, wenn man die Rezepte ganz genau befolgen will. Herr Hildmann verkauft nämlich nicht nur Bücher, sondern betreibt auch einen »veganen Kaufmannsladen«, online natürlich. Und ebenso natürlich sind Produkte, die den Namen »Attila Hildmann« tragen, Basis dieses Detoxprogramms. Ohne »Attila Hildmann Macha Tee«, »Attila Hildmann Açaí-Fruchtpüree« und am besten noch »Attila Hildmann Bio Protein« geht nämlich gar nichts! Kann man glauben, muss man aber nicht. Zum Beispiel liebe ich mein original aus Japan mitgebrachtes Bio Mach Teepulver und sehe keinen Grund, es durch »Hildmann« zu ersetzen. Schwieriger wird es schon bei dem Açaí-Beeren-Pürree, das laut Buch beim »Biodealer meines Vertrauens« erhältlich ist. Ist es nicht, nicht im kleinen Bioladen und auch in keinem Biosupermarkt im Umkreis von mehr als 20 Kilometern. Das Wort »Biodealer« soll wahrscheinlich cool klingen, na ja ...
Am meisten stört mich an dem Buch aber etwas ganz Anderes: Jeder, der von heute auf morgen vom normalen Alles-Esser auf rein vegane Ernährung umstellt, wird Veränderungen bemerken. Besonders, wenn er dabei Bio-Obst und -Gemüse den Vorzug gibt vor industrieller »sieht-aus-wie-Fleisch-schmeckt-aber-nicht-so« Fertignahrung. Bei mir zeigten sich damals recht schnell Gewichtsabnahme, Energiezunahme, ein Hochgefühl, der unbändige Drang, mich zu bewegen. Ohne Hildmann-Buch oder -Produkte. Ich denke, so reagiert ein Körper, einfach auf die Ernährungsumstellung. Das bedeutet, es wird wahrscheinlich bei nahezu allen, für die »Vegan For Fit« der erste Versuch einer konsequent veganen Ernährung ist, ähnlich funktionieren. »Wow! Attilas Programm funktioniert.« Werden diese Leute sagen. Und weiter seine Produkte kaufen. Perfektes Marketing. Gekonnter Ritt auf einem aktuellen Trend, Herr Hildmann.
Fazit: Schönes Buch, aber nicht notwendig. Vegan funktioniert auch ohne »Hildmann« 2**
Das Hardcover ist im Becker Joest Volk Verlag erschienen, hat 160 Seiten und kostet 19,95 Euro. Das E-Book ist für 9,99 Euro erhältlich.

"Gemüseheilige" von Florentine Fritzen - Eine Geschichte des veganen Lebens

Die Autorin Florentine Fritzen hat eine erstaunliche Anzahl historischer Fakten zur Geschichte des Veganismus in Deutschland zusammengetragen. Dabei stützt sie sich größtenteils auf Dokumente, die von diesen »Gemüseheiligen«, Natur- oder Pflanzenköstlern selbst verfasst wurden. Angefangen von Reinhold Riedel, der in den 1890er Jahren beruflich viel unterwegs war und sich dabei fast ausschließlich von Obst, Trockenfrüchten, Brot und Nüssen ernährte, bis hin zum Veganismus der Gegenwart, den mittlerweile etwa 900.000 Deutsche leben. Fritzens Buch liest sich größtenteils spannend und bietet dem Leser viele Aha-Erlebnisse. Dass der Veganismus als höchste Stufe des Vegetarismus angesehen wird, ist nicht neu, auch wenn das Wort »vegan« erst 1944 in England erfunden wurde und Jahrzehnte später in Deutschland gebräuchlich wurde. Seit Riedels Zeiten scheint allerdings das Bekenntnis zu rein pflanzlicher Ernährung so etwas wie eine Glaubensfrage gewesen zu sein. Anfangs standen vor allem gesundheitliche Aspekte im Vordergrund, Kurkliniken auf Basis der »Sonnenlichtnahrung« schienen ein Allheilmittel gegen allerlei Krankheiten des zunehmenden Wohlstands zu sein. Doch bald kamen die ersten Stimmen auf, die Tötung und Ausbeutung der Tiere als Sünde ansahen. Veganismus wurde, bevor es das Wort gab, eine Art Ersatz- bzw. Zusatzreligion. Auch dunkle Kapitel des Veganismus werden im Buch angesprochen, wie bspw. der »Zwangsvegansimus« während der Zeit des 1. Weltkriegs, als tierische Lebensmittel knapp und nahezu unerreichbar waren. Oder die Gleichschaltung vegetarischer Vereine zur Zeit des Nationalsozialismus. Spätestens hier ploppt die Erkenntnis auf, dass Veganer oder Vegetarier nicht automatisch bessere Menschen sind. 
In der Gegenwart ist vegan für viele Menschen eine Art Lifestyle, eine Art der Abgrenzung von all den Normalen, man isst eben anders und fühlt sich dadurch besser. Egal, ob dabei ethische (Tierschutz) oder gesundheitliche Aspekte im Vordergrund stehen, die Industrie hat dies erkannt und nutzt den neuen Trend, um in allen Supermärkten mit »vegan« zu locken. Die Verkaufszahlen hübsch aufgemachter veganer Kochbücher sind so hoch, dass daran gemessen mittlerweile wohl ganz Deutschland vegan leben müsste. Um so aufschlussreicher ist Fritzens Rückblick auf die Geschichte der veganen Ernährung in Deutschland. Und vielleicht ist der Trend zu »wenigstens ein bisschen vegan« ein Versuch, an die ursprünglichen Ziele der ersten Gemüseheiligen anzuknüpfen, die davon träumten, die Welt zu verändern und zu verbessern. Dass es dazu keiner »wie-Fleisch-aussehenden« Ersatzprodukte bedarf, macht das Beispiel Reinhold Riedels deutlich. Und dass »vegan« nicht automatisch »gesund« bedeutet, wird spätestens beim Blick auf die Inhaltsstoffe der industriell hergestellten, veganen (Fertig-)Produkte deutlich. Auch die aktuelle Diskussion um vegane Ernährung von Kindern und Schwangeren oder das Vitamin B12 findet Platz in diesem Buch.
Mir hätte eine klarere historische Linie in diesem Buch gefallen. Für meinen Geschmack geht es vor allem in der ersten Hälfte des Buches immer wieder vor und zurück. Die aktuelle Entwicklung der letzen knapp zehn Jahren wird relativ kurz abgehandelt, als »Hype« dargestellt, ohne tiefer auf die Gründe einzugehen. Ist vegan wirklich nur eine Alternative zu »Low Carb« oder Intervallfasten? Oder ist es ein Versuch, in kleinen Schritten die Welt verbessern zu wollen, ganz in Tradition von Riedel, Skriver und Co?
Fazit: »Gemüseheilige« hilft, die Entstehung des Veganismus zu verstehen und hinterfragt gleichzeitig aktuelle Trends. 4****
Das Hardcover mit Schutzumschlag ist im Franz Steiner Verlag erschienen, hat 183 Seiten und kostet 21,90 Euro. Eine E-Book-Ausgabe ist (bis jetzt ) nicht erhältlich.