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Freitag, 13. November 2015

"Rot ist schön" von Rita König

Bis 1985 scheint Silkes kleine Welt irgendwo in der DDR mehr oder weniger in Ordnung zu sein. Der Vater kommt manchmal spät nach Hause - aus der Kneipe oder von anderen Frauen. So genau will Silke das gar nicht wissen. Aber der Vater übt mit ihr auch Vokabeln, zeigt ihr, wie man ein Fahrrad repariert, ist ihr Ruhepol in der Familie. Die Mutter schimpft und schreit oft herum,  besucht manchmal am Wochenende "Onkel Werner". Grund genug für Klatsch und Tratsch im Dorfkonsum liefern beide Eltern. Dann zieht die Mutter mit dem jüngeren Bruder fort, zu "Onkel Werner". Silke, gerade 15, bleibt beim Vater und kümmert sich neben der Schule um den Haushalt. Ihre Lehre, die sie ein Jahr später beginnt, war als Flucht vor der Mutter geplant, die nun gar nicht mehr da ist. Trotzdem zieht Silke ins Internat in einer fernen Stadt, findet dort zwei beste Freundinnen - Heike und Ina. Aber sie bleibt auf der Suche ...

Silke ist getrieben von der Sehnsucht nach einer heilen Familie. Aus irgendeinem Grund gehören Menschen mit roten Haaren dazu. Obwohl weder Vater, noch Mutter, Bruder oder Silke rothaarig sind. Rot ist schön, erfährt Silke später von Natascha, zumindest im Russischen, wo beide Worte den gleichen Stamm haben. 

Silkes Sehnsucht lässt sie gleichzeitig vor der Realität fliehen, die anders ist, als das, was sie sich wünscht. In den Armen vieler Männer findet sie kurzzeitiges Vergessen, bleibt dennoch rastlos. Die Wende erlebt auch Silke als Zeit des großen Umbruchs. Die neuen Freiheiten machen ihr eher Angst. Sie will nicht reisen. Und doch ist das ganze Buch eine Reise. Silke sitzt im Zug, zehn Jahre nach dem Auszug der Mutter, erstmals auf dem Weg zu ihr. Während der Fahrt erinnert sie sich. An Micha mit den roten Haaren, den sie nicht lieben durfte. An den See hinter dem Wald und das Hexenhäuschen im Dorf. An die Blutbuchen, die auf jedem Friedhof stehen und die unzähligen Seltersflaschen, die sie zur Beruhigung ihres Magens leer trank..

Die Personen und Orte im Buch bleiben stellenweise sehr unkonkret. Der Vater, die Mutter, der Bruder und die Großeltern ... ihre Namen werde nicht einmal genannt. Ebenso die Orte. Irgendwo in Brandenburg, im Vorharz, an einem breiten Fluss, der nicht ins Meer mündet. Das fand ich ein bisschen schade. Auch mit den Sprüngen zwischen dem Geschehen während der Zugfahrt und Silkes Erinnerungen tat ich mich an ein oder zwei Stellen etwas schwer. 

Die Geschichte lebt für mich von Silkes Sehnsucht, ihrer Suche nach dem Glück. Gleich am Anfang erfahren wir, dass Silke dieses endlich gefunden hat. Sie ist schwanger, als sie im Zug sitzt, und sie hat Peter, einen lieben Mann, der ihre Rastlosigkeit beendete. Auch wenn Silkes Geschichte vor, während und nach der Wende in der DDR spielt, so dienen diese historischen Ereignisse nur als Hintergrund für das, was in Silkes kleiner Welt geschieht, die sie gar nicht größer haben möchte. Es war interessant, beim Lesen immer wieder an viele kleine Dinge erinnert zu werden, die damals anders waren. Altbauwohnungen ohne Bad, auf dem Hausflur ein Klo für zwei Familien. Malimo-Stoff und Nylon-Kittelschürzen. Hirtentäschel und Sauerampfer kauen auf der Wiese ... Aber auch der ABV, der genau wusste, wann bei wem Westbesuch im Haus war. 

Silke erscheint völlig unpolitisch. Die Farbe Rot aus dem Buchtitel steht an keiner Stelle des Buches für eine Gesinnung. Die großen, weltbewegenden Ereignisse verlieren an Bedeutung gegenüber dem, was in Silkes kleiner Welt geschieht. Glück findet im Herzen statt und nicht in der großen weiten Welt. 

Fazit: 5***** und Leseempfehlung für eine ungewöhnliche, beeindruckende Geschichte.

Das Taschenbuch hat 300 Seiten, ist im Verlag "Der kleine Buch Verlag" erschienen und kostet 14,90 €.


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